Die Ölindustrie als Klimaretter? Der umstrittene Plan mit dem CO₂

Die Schweiz plant, einen Teil ihrer Klimaziele mit einer Technologie zu erreichen, die auf den ersten Blick fast zu gut klingt, um wahr zu sein: Carbon Capture and Storage (CCS) – also CO₂ aus der Luft filtern und im Boden einlagern. Doch hinter dieser scheinbar simplen Lösung verbergen sich Risiken, hohe Kosten – und überraschende Profiteure.

Was ist CCS überhaupt?

Die Idee ist einfach: Das CO₂, das bei industriellen Prozessen, der Abfallverbrennung oder der Landwirtschaft ausgestossen wird, wird nicht mehr in die Atmosphäre geblasen, sondern aufgefangen und unterirdisch gespeichert – idealerweise dort, wo es ursprünglich herkam: aus der Erde. Über viele Hundert Meter tief wird es in poröse Gesteinsschichten gepresst, wo es sich verfestigen und langfristig binden soll.

Klingt gut? Nur bedingt. Denn der Prozess ist aufwendig, teuer und energieintensiv:

  1. Abscheidung: CO₂ wird mit grossem Energieaufwand aus Abgasen gefiltert.
  2. Umwandlung: Damit es transportiert werden kann, muss das Gas stark gekühlt oder komprimiert werden.
  3. Transport: Per Lastwagen, Bahn oder Pipeline wird das CO₂ zu geeigneten Lagerstätten gebracht.
  4. Speicherung: In alten Erdölbohrungen oder unter dem Meeresboden soll das CO₂ dauerhaft eingelagert werden.

Klimaschutz oder Greenwashing?

Die Schweiz geht das Thema ambitioniert an: Bis in 25 Jahren sollen 12 Millionen Tonnen CO₂ jährlich ausgestossen werden – ein Drittel weniger als heute. Fünf Millionen Tonnen davon will man mit CCS unschädlich machen. Dafür plant das Bundesamt für Energie sogar ein CO₂-Pipelinenetz von 1000 Kilometern Länge – vom Wallis bis nach St. Gallen.

Doch es gibt Kritik. Unter anderem von der Klima-Allianz, einem Bündnis von über 150 Organisationen. Sie betont, dass CCS kein Freifahrtschein für „weiter wie bisher“ sein darf. Statt nur die Symptome zu bekämpfen, müssten die Ursachen – also übermässiger Konsum und fossile Energien – angegangen werden.

Profitieren die Falschen?

Ein besonders brisanter Aspekt: Die CCS-Technologie wurde ursprünglich von der Erdölindustrie entwickelt – nicht zum Klimaschutz, sondern um die Erdölförderung zu verbessern. Das CO₂ wurde genutzt, um schwer zugängliche Ölvorräte durch Druck zu mobilisieren.

Heute sind es vor allem die grossen Ölkonzerne wie ExxonMobil, Shell, BP, Chevron und Equinor, die CCS als Klimaschutzmassnahme vorantreiben – und sich damit potenziell neue staatliche Fördergelder sichern. Für viele Kritiker ein Paradebeispiel für Greenwashing: Der Schein von Klimaschutz wird gewahrt, während die fossile Industrie neue Einnahmequellen erschliesst.

Zukunftstechnologie oder teures Ablenkungsmanöver?

Tatsächlich sind weltweit 80 bis 90 Prozent aller CCS-Projekte an der Finanzierung gescheitert. Der Energieverbrauch, der für Abscheidung, Transport und Speicherung nötig ist, ist enorm. Ohne staatliche Subventionen ist die Technologie wirtschaftlich kaum tragbar.

Gleichzeitig bietet CCS in bestimmten Bereichen – etwa der Zementproduktion – eine echte Chance, schwer vermeidbare Emissionen auszugleichen. Auch Norwegen, das mit Equinor eine staatliche Ölgesellschaft betreibt, sammelt hier seit Jahren Erfahrung.

Doch die entscheidende Frage bleibt: Wollen wir unsere Klimazukunft wirklich in die Hände derer legen, die das Problem mitverursacht haben?

Fazit: Klimaschutz braucht mehr als Technik

CCS kann ein Baustein für den Klimaschutz sein – aber kein Ersatz für echten Wandel. Weniger Abfall, weniger fossile Energien, eine echte Energiewende – das sind die zentralen Hebel. Wenn CCS zum Feigenblatt für eine Industrie wird, die auf neue Profite statt auf echten Wandel setzt, droht die Klimapolitik zur PR-Strategie zu verkommen.

Die Schweiz steht am Anfang eines technologischen Experiments. Ob es zum echten Klimaschutz beiträgt – oder nur einer fossilen Industrie ein neues Leben schenkt – das wird sich in den nächsten Jahren zeigen.


Kommentar Reicher Bulle

CCS (Carbon Capture and Storage) ist ein faszinierender technologischer Ansatz – aber in seiner aktuellen Umsetzung auch ein ziemlich gefährliches Ablenkungsmanöver.

Die Idee, CO₂ wieder unter die Erde zu bringen, ist technisch clever – aber sie packt das Problem am falschen Ende. Statt das Feuer zu löschen, bauen wir ein System auf, um den Rauch besser abzusaugen. Natürlich braucht es Lösungen für „unvermeidbare“ Emissionen, z. B. aus der Zementherstellung. Aber CCS wird gerade von genau jenen Akteuren vorangetrieben, die seit Jahrzehnten von fossiler Ausbeutung leben – und jetzt unter dem grünen Deckmantel neue Fördergelder kassieren wollen.

Dass wir Milliarden investieren sollen, um CO₂ einzufangen, das nie hätte entstehen dürfen, ist für mich ein Zeichen dafür, dass der politische Wille fehlt, wirklich umzudenken. Es ist einfacher, eine Hightech-Lösung zu finanzieren, als an unserem Konsum, an unserer Mobilität und an der Macht der fossilen Lobbys zu rütteln.

Kurz: Ich finde CCS als ergänzende Notlösung okay – aber nicht als zentrale Säule der Klimastrategie. Die echte Lösung heisst Vermeidung statt Verdrängung. Und wenn die Ölindustrie plötzlich die Flagge des Klimaschutzes schwenkt, sollten bei uns allen die Alarmglocken läuten.


Schärfen Sie Ihr Verständnis: Fragen & Antworten

Was ist Greenwashing?

Greenwashing bedeutet, dass Unternehmen oder Organisationen sich umweltfreundlicher darstellen, als sie tatsächlich sind – meist aus Imagegründen oder um von Fördergeldern zu profitieren. Sie nutzen gezielt Marketing, Labels oder vage Begriffe wie „klimaneutral“, obwohl ihre Produkte oder Praktiken weiterhin der Umwelt schaden. So wird der Eindruck von Nachhaltigkeit erweckt, ohne echte Veränderungen umzusetzen. Greenwashing kann Konsument*innen täuschen und echten Klimaschutz behindern.

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