Politik für Anfänger: Wer sind die Taliban?

Wer oder was sind die Taliban?

Die Taliban sind eine radikal-islamistische Gruppe, die in Afghanistan aktiv ist. Sie kontrollierten das Land bereits einmal zwischen 1996 und 2001 – eine Zeit, die für viele Menschen mit Angst, Unterdrückung und Gewalt verbunden war. Besonders Frauen und Mädchen litten stark unter dem Regime. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA wurde das Taliban-Regime gestürzt – doch die Bewegung war nie ganz verschwunden. Heute, über zwanzig Jahre später, sind die Taliban wieder an der Macht.

Wie sind die Taliban entstanden?

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen in den 1990er-Jahren herrschten in Afghanistan Chaos, Armut und Gewalt. Es gab keine stabile Regierung mehr, sondern brutale Milizen, die das Land unter sich aufteilten. In diesem Klima entstand eine neue Bewegung: junge Männer, die unter der Führung islamischer Geistlicher („Mullahs“) gegen Korruption und Gewalt kämpfen wollten. Die Taliban – was auf Deutsch „die Schüler“ bedeutet – versprachen Ordnung, Gerechtigkeit und religiöse Reinheit.

Anfangs wurde diese Bewegung von vielen Menschen in Afghanistan begrüsst. Doch schnell zeigte sich, dass die Taliban ihre Macht mit extremer Härte durchsetzten. Sie hängten Vergewaltiger öffentlich auf, führten die Scharia ein und bestraften kleinste Vergehen mit brutalen Methoden.

Die Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001

Im Jahr 1996 eroberten die Taliban Kabul, die Hauptstadt Afghanistans. Sie riefen das „Islamische Emirat Afghanistan“ aus. Ab jetzt galten ihre radikal-religiösen Gesetze im ganzen Land:

  • Frauen durften nicht mehr arbeiten oder zur Schule gehen.
  • Musik, Fernsehen, Fotos und Filme wurden verboten.
  • Männer mussten Bärte tragen, Frauen sich vollständig verschleiern.
  • Bei Diebstahl wurden Hände abgehackt, Ehebrecherinnen gesteinigt.

Wirtschaftlich ging es Afghanistan sehr schlecht. Die Menschen hungerten, es fehlte an medizinischer Versorgung, Bildung und Infrastruktur.

Die Verbindung zu Osama bin Laden

Einer der wichtigsten Unterstützer der Taliban war Osama bin Laden, der Chef der Terrorgruppe Al-Qaida. Nachdem er 1996 in Afghanistan Zuflucht gefunden hatte, baute er dort Trainingslager für Terroristen auf – unter dem Schutz der Taliban.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 verlangten die USA, dass die Taliban Osama bin Laden ausliefern. Die Taliban lehnten ab. Daraufhin marschierten amerikanische und alliierte Truppen in Afghanistan ein, stürzten das Taliban-Regime und begannen einen langen und schwierigen Krieg gegen den Terror.

Karte von Afghanistan und angrenzenden Ländern in Zentral- und Südasien.

Der lange Krieg gegen die Taliban (2001–2014)

Die westlichen Länder, darunter auch Deutschland, wollten nach dem Sturz der Taliban eine neue Regierung aufbauen und das Land stabilisieren. Doch der Kampf gegen die Taliban war schwierig. Sie versteckten sich in den Bergen und verübten immer wieder Anschläge – sowohl auf Soldaten als auch auf Zivilisten. Autobomben und Selbstmordattentate gehörten zur grausamen Strategie.

Bis 2014 waren über 4000 Soldaten und rund 20’000 Zivilisten in Afghanistan gestorben. Deutschland verlor dabei 38 Soldaten. Trotzdem blieb das Land instabil.

2011 wurde Osama bin Laden von einem US-Kommando in Pakistan getötet – ein wichtiger symbolischer Erfolg. Doch die Taliban existierten weiterhin im Untergrund.

Die Rückkehr der Taliban

Nach dem Abzug der internationalen Truppen im Jahr 2014 nutzten die Taliban das Machtvakuum. Sie gewannen wieder an Stärke und begannen erneut, Gebiete zu erobern. Die afghanische Regierung war zu schwach, um sie aufzuhalten.

Im August 2021 geschah dann das, was viele befürchtet hatten: Die Taliban nahmen ohne grossen Widerstand wieder Kabul ein. Die Regierung floh, und das Islamische Emirat wurde erneut ausgerufen – diesmal in einer noch brutaleren und entschlosseneren Form.

Taliban vs. Islamischer Staat

Obwohl die Taliban ähnlich wie der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) denken, sind die beiden Gruppen verfeindet. Beide behaupten, die „wahren Gotteskrieger“ zu sein, und werfen sich gegenseitig Verrat vor. Es kommt immer wieder zu Kämpfen zwischen den beiden Gruppen.

Gleichzeitig kämpft auch das afghanische Militär gegen beide. Das Land ist damit in einem Drei-Fronten-Konflikt gefangen, was eine friedliche Zukunft enorm erschwert.

Situation der Taliban im Jahr 2025

Im Jahr 2025 befinden sich die Taliban erneut fest an der Macht in Afghanistan. Sie haben das Land nach dem Abzug der USA weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht – insbesondere die Städte und Hauptverkehrswege. Doch das bedeutet nicht, dass Frieden herrscht:

  • Menschenrechte: Frauenrechte sind praktisch nicht existent. Mädchen dürfen nicht zur Schule gehen, Frauen kaum das Haus verlassen. Viele Afghaninnen versuchen, das Land zu verlassen.
  • Terrorgefahr: Die Taliban dulden weiterhin Terroristen auf ihrem Boden. Zwar behaupten sie öffentlich, sich von Al-Qaida zu distanzieren, aber internationale Geheimdienste sind skeptisch.
  • Wirtschaft und Armut: Die Wirtschaft ist zusammengebrochen. Internationale Hilfe ist spärlich, weil viele Staaten die Taliban-Regierung nicht anerkennen. Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.
  • Innenpolitischer Widerstand: In manchen Regionen leisten mutige Gruppen Widerstand gegen das Taliban-Regime – etwa frühere Regierungsbeamte, Frauenrechtsaktivistinnen oder ethnische Minderheiten. Doch ihr Einfluss ist begrenzt.
  • Internationale Lage: Nur wenige Länder – etwa Pakistan, Iran, Russland oder China – unterhalten formelle Beziehungen zu den Taliban. Die meisten westlichen Staaten boykottieren die Regierung, liefern aber Nothilfe für die Bevölkerung.

Kommentar Reicher Bulle

Die Geschichte der Taliban zeigt, wie schwer es ist, Frieden und Stabilität in einem von Krieg zerrissenen Land aufzubauen. Anfangs wurden sie von der Bevölkerung sogar teilweise unterstützt – aus Sehnsucht nach Ordnung. Doch was folgte, war eines der brutalsten Regime der jüngeren Geschichte. Dass sie heute wieder an der Macht sind, ist aus meiner Sicht eine Tragödie – nicht nur für Afghanistan, sondern für die ganze Welt. Besonders für Frauen und Kinder ist das Leben unter den Taliban ein Albtraum. Die internationale Gemeinschaft steht vor einem Dilemma: Hilfe leisten, ohne das Regime zu legitimieren – aber Wegsehen wäre genauso falsch.


Schärfen Sie Ihr Verständnis: Fragen und Antworten

Wer ist alles in Afghanistan einmarschiert neben der USA?

Neben den USA sind nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auch viele andere Länder in Afghanistan einmarschiert – im Rahmen der sogenannten NATO-geführten ISAF-Mission (International Security Assistance Force). Dazu gehörten unter anderem Deutschland, Grossbritannien, Kanada, Frankreich, Italien, die Niederlande, Polen, Australien und Norwegen. Insgesamt waren über 50 Länder beteiligt, die gemeinsam versuchten, das Taliban-Regime zu stürzen und eine neue Regierung aufzubauen. Jeder Staat hatte bestimmte Regionen im Land zugewiesen bekommen, in denen er für Sicherheit und Wiederaufbau verantwortlich war.

In welchem Jahr zog sich die Sowjetunion aus Afghanistan zurück?

Die Sowjetunion zog sich im Jahr 1989 aus Afghanistan zurück. Der Rückzug begann nach einem langwierigen Krieg, der 1979 mit der sowjetischen Invasion begonnen hatte und fast zehn Jahre dauerte. Der Krieg war für die Sowjetunion sehr kostspielig und unpopulär geworden – sowohl militärisch als auch politisch. Mit dem Abzug hinterliess sie ein destabilisiertes Land, was später zur Entstehung der Taliban beitrug.

Was ist ein Bürgerkrieg?

Ein Bürgerkrieg ist ein Krieg innerhalb eines Landes, bei dem verschiedene Gruppen oder Regionen gegeneinander kämpfen, oft um die Macht oder um politische, ethnische oder religiöse Kontrolle. Anders als bei einem Krieg zwischen zwei Staaten sind bei einem Bürgerkrieg alle Konfliktparteien aus dem gleichen Land. In Afghanistan kämpften nach dem Abzug der Sowjetunion verschiedene Warlords und Milizen gegeneinander – es gab keine funktionierende Regierung mehr. Bürgerkriege sind oft besonders brutal, weil sie Familien und Gemeinschaften spalten und das ganze Land destabilisieren.

Was ist ein Mullah?

Ein Mullah ist ein islamischer Gelehrter oder religiöser Führer, der sich gut im Koran und in den islamischen Gesetzen (Scharia) auskennt. In vielen islamisch geprägten Ländern leiten Mullahs Gebete in Moscheen, geben religiöse Ratschläge oder unterrichten an Koranschulen. Bei den Taliban spielen Mullahs eine wichtige Rolle, weil sie oft gleichzeitig religiöse und politische Führer sind. Der Gründer der Taliban hiess zum Beispiel Mullah Omar – er war nicht nur Prediger, sondern auch Anführer der ganzen Bewegung.

Was ist die Scharia?

Die Scharia ist das islamische Gesetz, das sich aus dem Koran, den Aussagen des Propheten Mohammed (Hadithen) und islamischer Rechtsgelehrsamkeit ableitet. Sie regelt viele Bereiche des Lebens – von Gebet und Fasten bis hin zu Ehe, Erbschaft, Kleidung und Strafen. In einigen Ländern, wie unter den Taliban, wird die Scharia sehr streng ausgelegt: Zum Beispiel können dort auf Ehebruch, Diebstahl oder „religiöse Vergehen“ harte Strafen wie Auspeitschung, Amputation oder Steinigung folgen. Viele Muslime weltweit sehen die Scharia aber eher als spirituelle Richtschnur und nicht als Gesetzbuch mit brutalen Strafen.

Was ist ein Regime?

Ein Regime ist eine Regierungsform oder Herrschaft, meist mit negativer Bedeutung. Der Begriff wird oft verwendet, wenn eine Regierung autoritär, diktatorisch oder undemokratisch ist – also zum Beispiel die Bevölkerung unterdrückt, keine freien Wahlen zulässt oder Gewalt zur Machtsicherung einsetzt. Wenn man vom „Taliban-Regime“ spricht, meint man damit also die harte und unterdrückende Herrschaft der Taliban über Afghanistan. Regime stehen oft im Gegensatz zu freiheitlichen Demokratien, in denen Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit wichtig sind.

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